Vorweihnachts-Depression | 12:54 |
Seit über einer Woche denke ich, ich müsste endlich mal wieder was bloggen, denn mich besucht bald keiner mehr; aber ich kriege nichts zusammen. Zeitung, Fernsehen, Politik, Kochrezepte, Weihnachtsüberlegungen, ein Knäuel im Kopf, zu nichts Lust, müsste endlich Weihnachtskarten schreiben...
Mittwoch.
Es ist kalt geworden, vereinzelte ganz ganz feine Schneeflocken kommen aus ein paar Zirruswolken vom ansonsten blauen Himmel. Der Uhrmacher hat meiner letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt bekommenen Uhr eine neue Batterie eingesetzt. Ich brauche sie nicht zu bezahlen; er druckst herum, dass die alte hätte länger halten müssen; wahrscheinlich hätte die Uhr vor dem Kauf schon ein halbes Jahr bei ihm im Laden gelegen, und/oder vorher in der Fabrik – wenigstens ehrlich.
Am Abend in der Uni ein Podium über Afghanistan – soll ich überhaupt hingehen, wo doch immer nur dasselbe gesagt wird? Wider Erwarten so kurz vor Weihnachten ist der Hörsaal so proppenvoll, dass in einen größeren umgezogen wird. Trotzdem eher enttäuschend. Ein Jugendoffizier, ein afghanischer Ex-Botschafter, dessen Deutsch sehr schlecht zu verstehen ist, ein Journalist vom ZDF, der selber noch nie in Afghanistan war, aus dem Publikum u.a. energische Nachfragen von zwei afghanischen StudentInnen, die leider beide auch sehr schwer zu verstehen sind. Fazit der Veranstaltung: Das Militär muss drin bleiben, sonst bricht in Afghanistan Chaos aus. Für mich: Ratlosigkeit
Auf dem Heimweg sind die Straßen weiß überpudert. Zu Hause nur ein Blick in die Mailbox, keine Lust zum Bloggen, statt dessen Spider Solitär, und ich versäume eine Talkshow über Afghanistan auf Phoenix, Ärger.
Donnerstag.
Vormittags zum Markt, der von seinem üblichen Platz durch den Weihnachtsmarkt vertrieben wurde. Strahlende Sonne, kalt. Mein Weg ist identisch mit dem Pilgerweg vom Busparkplatz zum Weihnachtsmarkt. Vor mir ein Meer von roten Mützen. Nein, nicht diese grässlichen Nikolausmützen, sondern einfache rote Strickmützen auf den Köpfen vielleicht zehnjähriger Kinder, also eine Schulklasse, eher mehrere, es müssen gegen hundert Kinder sein, die ganze Fußgängerstraße ist voll. Franzosen? Ich mische mich dazwischen um ihre Sprache mitzukriegen, aber von diesen kleinen Kindern vernehme ich nur ein Geknautsche. Erst als ich neben zwei der Lehrer komme, höre ich feinstes britisches Englisch. Natürlich, und die Wappen an den Mützen weisen die englische Schuluniform aus. Englische Schulen fahren mit ihren Kindern auf den Aachener Weihnachtsmarkt! Ich weiß ja, dass jetzt massenhaft Busladungen aus Belgien, Holland, Frankreich und England kommen, aber sogar Schulklassen? Ich kann nur den Kopf darüber schütteln, was das nördliche Westeuropa an unserem Weihnachtsmarkt findet; denn ich finde den überhaupt nicht aufregend. Aber wenn der Rubel rollt – mir soll es Recht sein.
Ich gehe schneller als die Kinder, passiere noch einen Hiesigen, der in bemühtem Englisch jemandem etwas erklärt, und umgehe dann den Weihnachtsmarkt. Am Weltladen ein Schild an der Tür: "Coffee to go". Ich frage die Verkäuferin, ob in Togo denn Kaffee wächst, meiner Ansicht nach eher Kakao. Sie erklärt mir ernsthaft, dass "Kaffee zum Mitnehmen" gemeint ist. Ich frage, warum das dann nicht da steht. Diese Frage versteht sie nicht. Mit fair gehandelter Schokolade in der Tasche komme ich am Dom vorbei, wo wieder eine Schulklasse steht, diesmal größere Kinder, uniformlos, und auf französisch etwas erklärt bekommt. Sie gehen dann nicht Richtung Weihnachtsmarkt. Die französischen Klassen sehen wir das ganze Jahr über, für die ist ein Besuch der Chapelle ihres Charlemagne Pflicht.
Endlich auf dem Markt, an diesem Ausweichplatz sehr eng. Sonst kaufe ich ja immer Fisch beim Holländer, und zwar solchen, bei dem man die Augen sehen kann, aber heute keine Lust auf die Arbeit mit Schuppen und Ausnehmen usw. Etwas guten französischen Käse bei einem Händler, der wirklich was davon zu verstehen scheint. Gemüse, Münsterbirnen, und dann vor allem zu dem Wagen des Milchbauern, der einzigen Stelle, an der man noch echte Frischmilch bekommen kann. Mit drei Glasflaschen Frischmilch, einigen Kilo Ober und Gemüse und einem Blumenstrauß schleppe ich mich zum Taxistand.
Mit dem Taxifahrer rede ich über das Wetter. Er sagt, er kann sich immer noch nicht an das immer gleiche, meist graue Wetter hier gewöhnen. "Woher kommen Sie?" "Aus Afghanistan". Ich lasse ihn erzählen "Der Winter ist sehr kalt und viel Schnee, aber der Frühling ist wirklich Frühling, der Sommer wirklich Sommer, und wir haben keine Industrie, also wenn der Himmel blau ist, dann ist er wirklich blau, so blau, wie man ihn sich hier nicht vorstellt". Dann frage ich ihn, was er zu der Situation in Afghanistan meint, haben diese Militäreinsätze Sinn? Er verneint es energisch, dann redet er von der korrupten Regierung ("wenn nur die Hälfte der Hilfsgelder wirklich ankommen würde, wären wir ein großes Stück weiter"), von den Taliban, die wieder immer mehr herrschen, es sind Paschtunen, und die bekommen immer mehr die Oberhand (er ist kein Paschtune), und sagt am Schluss, das amerikanische und andere Militär muss bleiben, denn nur so können die Taliban besiegt werden. Ratlosigkeit..
Abends finde ich hier einen Videostream über die gestrige Phoenix-Sendung "Die Kundus-Affäre – ziviler Aufbau oder Krieg?". Fazit der Sendung: Es ist von Anfang an alles falsch gemacht worden, viel Zeit verloren, eigentlich schon zu spät, also: Ratlosigkeit.
In der Sendung saß auch Reinhard Erös, der einzige, der wirklich was von Afghanistan zu kennen scheint. Ich gehe auf die Internetseite seiner Kinderhilfe Afghanistan, denn wir haben uns vorgenommen, da wirklich etwas von unserem Ersparten beizutragen, dass mehr Schulen eingerichtet werden können. Neue Schulen scheint er zur Zeit nicht zu bauen; die alten brauchen aber auch Hilfe. Leider kein Kontaktformular, ich müsste ihm mailen, um mich zu erkundigen. Noch unsicher...
Freitag
Jetzt klargezogen, wie wir Weihnachten gestalten, nämlich völlig ruhig, wir machen uns auch keine Verlegenheitsgeschenke. Am 2. Feiertag das gemütliche Hausbrunch ohne viel Arbeit. Ein paar Einkäufe
Abends vor der Glotze mal ganz gemütlich "Der kleine Lord". Ich hatte als Kind das Buch gelesen und habe davon fest ein Bild im Kopf: Der griesgrämige alte Lord im Lehnstuhl, vor ihm der blonde Junge im Spitzenkrägelchen und der große Hund. Genauso saß im Film Alec Guinness, mit dem goldigen Jungen und dem Hund. Der Film war auch genau wie erwartet: zaghafte soziale Anklage mit Armut, Wohltätigkeit, und am Schluss sind die Adligen doch sehr nette Leute in der besten aller Welten. Eine gemütliche und gut gespielte und mit Humor inszenierte Schmonzette, wenn man sich von seiner kritischen Ratlosigkeit mal erholen will.
Samstag.
Zehn Grad unter Null. Das Vogelfutter scheint nicht richtig angenommen zu werden, aber in der Hecke schlüpfen die Amseln. Ich streue noch auf die Fensterbretter nach hinten heraus ein paar Fettflocken. Die neue Hausnachbarin hat eine Katze; noch lässt sie sie nicht nach draußen, aber wenn, dann werden wohl keine Vögel mehr kommen, schade.
Heute keine Einkäufe. Dafür kann dies hier zuende geschrieben und abgeschickt werden.
Und heute und morgen: Hauruck – Weihnachtskarten schreiben!! (Hoffentlich....seufz...).
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Bloggerwort des Jahres: "Bloggen müssen"
Nee, nee.
Afghanistan raten müssen.
Nee, nee.
Weihnachten feiern müssen.
Nee, nee.
Ziellos in den tiefen Schneewald gehen, danach an den warmen Ofen setzen, die Beine hoch, bei gutem Licht ein altes Buch dicht vor der Nase (wegen zunehmender Kurzsichtigkeit), z. B. Grimmelshausen oder Don Quichote oder auch einen dicken Roman von Saramago.
Ins Dunkle kuscheln, in dem man unversehens doch wieder ein Leuchten wahrnimmt.
(Nur die alten, erprobten Wege dieser Art - "Jetzt aber das Weihnachtsoratorium auflegen" - die scheinen auch bei mir nicht mehr zu funktionieren.
Is doch jut, daß die alten Tröstungen verschlissen sind.)
Ach ja,
und die Schilderung Deiner Vorweihnachtsbegegnungen hat mir gefallen.
Schöne Grüße
von einem anderen späten Vogel
@Kranich: mich vom "müssen" freizumachen fällt mir bei manchen Dingen doch noch schwer. Jetzt z.B. ein sehr schlechtes Gewissen gegenüber einer Freundin, älter als ich und sehr allein, die wir in den letzten Jahren zu Heiligabend eingeladen und an einem der Feiertage besucht haben. Letztes Jahr waren wir von ihrer Zickigkeit so genervt, dass wir dieses Jahr vor ihr und überhaupt unsere Ruhe haben wollen; ich habe ihr ausweichend gesagt, dass wir vielleicht wegfahren... Jetzt frage ich mich, ob ich sie nicht doch anrufen sollte, fragen, was sie macht, und ehrlich erklären, dass wir mal ein bisschen Ruhe und Einigeln brauchen...
Guten Morgen liebe Eule,
die Kommunikation zwischen unseren Blogs funktioniert ja so gar nicht. Deswegen ein manueller Trackback:
http://somluswelt.wordpress.com/2009/12/22/eine...
Den Begriff "kritische Ratlosigkeit" finde ich so etwas von treffend. Ich hoffe, es geht okay, dass ich ihn in mein Blog übernehme.
Ich wünsche Dir besinnliche Tage,
liebe Grüße somlu
Hallo Somlu, natürlich ist es ok, dass Du meinen Ausdruck "kritische Ratlosigkeit" (wusste gar nicht, dass das so was besonderes ist :-)) in Dein Blog übernommen hast, und und ich freue mich ausgesprochen, dass Du das als Link zu mir gesetzt hast, ist doch gut für mich.
Dir auch eine gute Zeit!



Zum Thema Krieg, passen allesamt auch die drei Wörter des Jahres 2009. Nicht nur die Dunkelheit fördert die Depression.
Kopf hoch und Licht an.